Reisealltag

Wer nur Urlaube von zwei oder drei Wochen kennt, mag sich die Frage stellen, was man denn die ganze Zeit tut, wenn man so lange unterwegs ist wie ich… Ehrlich gesagt nicht viel Anderes als wenn man irgendwo in den Urlaub fährt zum Ausspannen vom Alltag… Faulenzen, Sehenswürdigkeiten bestaunen, Wandern, Schwimmen, Essen gehen, in einem Kaffee sitzen und die Leute rundherum begutachten…

ABER… da ist mehr wenn man längere Zeit unterwegs ist. Einerseits verbringe ich alle paar Tage Stunden in Bussen oder Booten und beim Warten auf einen Bus oder ein Boot. Das sind nicht immer sehr komfortable Situationen. Die Busse sind teilweise alt, eng, vollbeladen und unbequem und ich muss die ganze Zeit auf mein Gepäck achtgeben.

Unterwegs muss ich mich regelmässig informieren und entscheiden wohin ich gehen will. Welche Route ich wähle, was ich auslasse, wie lange ich wo bleibe – obwohl sich das bei meinem Zeitbudget ziemlich einfach nach Lust und Laune gestalten lässt -, welches Hostal oder Hotel ich wähle, wo ich Essen gehe, wo ich einkaufe, welche Tour ich wähle und buche, wofür ich mein Geld ausgebe. Ich informiere mich stundenweise im Internet, in Reiseführern oder am besten in Gesprächen mit anderen Reisenden oder Hängengebliebenen, die sich hier ein Leben aufgebaut haben. Kein Tag ist wie jeder andere. Wenn ich morgens aufstehe, weiss ich meistens nicht, was mich erwartet. Sicher weiss ich, wie meine Pläne aussehen, was mein Tagesziel oder meine Tagesziele sind. Aber was mich erwartet, wie lange ich wo warten muss, wen ich antreffe, mit wem ich mich gut austausche und amüsiere oder ob ich alleine bleibe, wo mich meine Erkundungstouren zu Fuss hinführen, welche körperlichen Strapazen mich erwarten, wo ich mich entspannen kann usw. – all das weiss ich nicht. So ist jeder Tag eine neue Überraschung.

Und manchmal sind es die kleinen Dinge wie ein interessantes Gespräch, ein Museum mit einem enthusiastischen Führer, eine Nacht in einer Diskothek mit tanzbegeisterten und –begabten Menschen, ein leckeres Essen, eine tolle Aussicht, ein Flirt mit einem schönen Mann, stundenlanges Begutachten der Unterwasserwelt beim Schnorcheln oder einfach nur eine öde stundenlange Busfahrt durch eine wundervolle grüne Landschaft, die mich glücklich machen. Das sind die Momente, wo ich mich richtig lebendig fühle und die ganze Welt umarmen könnte und letztendlich einfach nur dankbar dafür bin diesen Weg gewählt zu haben und im Glück zu sein die Welt bereisen zu können.

Manchmal bin ich abends um 20.00 oder 21.00 Uhr schon müde und falle ins Bett und schlafe glücklich ein. Und manchmal bin ich müde nach einem anstrengenden Tag oder einer langen Busfahrt und trotzdem voll begeistert auszugehen und zu tanzen.

Aber natürlich gibt es auch unangenehme Dinge, wie wenn man von möglichen Gefahren hört und ständig darauf achten muss Risiken zu meiden. Dies bedeutet letztendlich, dass man sich laufend informiert und mit diversen Leuten spricht ohne paranoid zu werden. Klar muss man vorsichtig sein und nicht zu viel Geld mit sich herumtragen, Wertsachen nicht in der Öffentlichkeit auspacken, sichere Busrouten wählen, etwas mehr bezahlen um auf der sicheren Seite zu sein, nicht nachts alleine und betrunken durch Städte laufen, aber man darf sich nicht verrückt machen lassen.

Unterwegs lernt man ruhiger, gelassener und geduldiger zu werden. Nicht überall eine Gefahr zu sehen, nicht ungeduldig zu werden, wenn der Bus Verspätung hat und dann noch viel länger hat als angenommen. Langsam lerne ich auch nach einer langen Nacht im Ausgang oder einfach nur schlechtem Schlaf und wenn ich mich müde fühle, nett und geduldig zu sein. Ich lerne mich zu akzeptieren auch wenn ich müde bin, wenn ich unruhig bin, ich lerne mich selber zu beruhigen, das zu tun, was mir wichtig ist, was mir gut tut. Egal, ob es mehr kostet oder sei es, dass ich mitten am Tag ein paar Stunden schlafe.

Das ständige Informieren und vor allem Planen und Organisieren wird langsam zum Spiel. Ich nehme alles nicht mehr so ernst, bin viel gelassener und weiss, dass es immer irgendwie gut kommt. Ich lasse mich treiben und glaube immer mehr daran, dass es so kommt wie es muss. Ich bleibe so lange wie es sein muss, ich gehe in Orte oder eben nicht, wie es sein muss. Ich kann mich immer mehr auf meine Intuition verlassen. Mein Bauchgefühl sagt mir, was ich tun oder lassen soll, mit wem ich näher ins Gespräch gehe, welche Risiken oder Abenteuer ich eingehe. Ich kann mich verständigen. Ich spreche mittlerweile fliessend Spanisch und kann problemlos zwischen Englisch und Spanisch wechseln. Mittlerweile funktioniert es sogar immer besser, wenn noch Französisch dazu kommt. Und dann kommt es mir total komisch vor, wenn ich mal wieder Schweizerdeutsch spreche. Ich liebe Sprachen und geniesse es in dieses Meer einzutauchen.

Organisieren und die verschiedenen Sprachen haben mich anfangs erschöpft. Ich konnte abends nicht mehr wirklich zu hören, habe abgeschaltet. Nun habe ich mich daran gewöhnt. Ich habe gelernt auf Menschen zuzugehen und ein Gespräch zu beginnen. Ich bin alleine unterwegs, manchmal geniesse ich es sehr alleine zu sein und manchmal treffe ich tolle Leute und schliesse Freundschaften. Man schliesst schnell Freundschaften unterwegs – alle sind im selben Boot. Man tauscht sich aus, geniesst die gemeinsamen Erlebnisse. Und manchmal ist man auch froh, wenn sich die Wege trennen und man wieder alleine unterwegs ist. Es dauert nie lange bis man wieder Leute kennenlernt. Und jeder Tag ist eine neue Überraschung…

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Eine Antwort to “Reisealltag”

  1. Pia Hess sagt:

    Salü Jolanda

    Du hast einen super Bericht geschrieben. Bravo!
    Viel Glück und alles Gute und herzliche Grüsse

    Mami

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