Erdbeben auf der Canopy-Plattform

Ich konnte es mir nicht entgehen lassen, nach Monteverde, in die costa ricanischen Berge zu fahren. Dem Regen getrotzt bin ich am Ankunftstag in das Reservat Santa Elena gegangen. Ich war ungefähr zwei Stunden zu Fuss im Reservat unterwegs. Monteverde ist berühmt für Reservate mit Nebenwäldern. Mir kam das Reservat wie ein geheimnisvoller Märchenwald vor. Alles ist grün, feucht und die Bäume sind mit Moos bewachsen. Und während der ganzen Zeit im Park bin ich nicht einem einzigen Menschen begegnet, was schon leicht unheimlich war, da man doch die Geräusche der Tiere um sich herum hört. Es leben schliesslich auch Pumas und Jaguare in diesen Wäldern. Allerdings muss man keine Angst haben ihnen zu begegnen, da sie auch im geschützten Costa Rica rar an der Zahl sind und den Menschen aus dem Weg gehen.

Abends habe ich dann noch einen Night Walk gebucht. Wir sind mit einem Guide und Taschenlampen bewaffnet in der Dunkelheit durch den Wald marschiert. Wir haben Faultiere, sehr spezielle und ungewöhnliche Insekten, giftige Schlangen, einen Skorpion und eine Tarantula gesehen. An einem Punkt haben wir sämtliche Taschenlampen ausgemacht. Erst war es stockdunkel, dann leuchtete es nur so um uns herum. Was wir sahen, war ein Pilz, der sich auf abgestorbenen, morschen Holzteilen ausbreitet und die Dunkelheit ausleuchtet ähnlich wie dem leuchtenden Plankton, das man in Gewässern beobachten kann. Doch ein angenehmes Gefühl, dass es nicht unbedingt stockdunkel ist, wenn man sich nachts ohne Licht im Wald befindet…

Der eigentliche Grund, weshalb ich jedoch nach Monteverde gekommen bin, war jedoch wegen des berühmten Canopys. Monteverde soll einer der besten Seilparks ganz Lateinamerikas, wenn nicht gar der Welt haben.

Nach dem Anziehen der Ausrüstung und denn Sicherheitsinstruktionen ging es schon los. Zwei Karabiner werden am Seil befestigt, der Eine auf einer Tragschiene, man setzt sich hin und wird angeschubst. Los gehts – an einem Seil durch den Nebelwald bei schönstem Wetter. Zum Bremsen trägt man Arbeitshandschuhe, die auf der Handfläche mit Leder verstärkt sind. So legt man einfach die Hand hinter der Tragschiene und dem Sicherheitskarabiner auf des Seil und rückt nach unten.

Auf der Plattform zum dritten Seil warten ungefähr 10 Touristen auf ihre Guides. Und plötzlich beginnt sich die Plattform zu bewegen und wird nur so durchgeschüttelt. Ein lustiger Moment, wo wir doch die zahlreichen Hängebrücken Costa Ricas kennen, die sich ebenfalls bewegen, wenn jemand darauf hüpft. Die Guides wollen uns einen Scherz spielen oder? Der Eine sagt, das war ein Erdbeben. Einige glauben es, dann meint er aber, er mache einen Scherz. Er glaubt, dass wir die Plattform ungefähr acht Meter über dem Boden bewegt haben.

Und weiter gehts. Über das erste lange Seil, etwas mehr als 500 Meter. Wir fliegen in unglaublicher Höhe über eine wunderschöne grüne Landschaft, einen Märchenwald. Wieder und wieder… Dann werden wir von der Plattform ungefähr 20 Meter auf den Boden unter uns abgeseilt. Erst sehen wir den Boden vor lauter Bäumen gar nicht. Unglaublich, aber es wird noch besser…

Schliesslich kommen wir beim Tarzanseil an. Ich werde an einem Seil befestigt, angeschubst und befinde mich im freien Fall. Ich schreie vor Überraschung und plumpse wie Tarzan durch den Wald bis die Schwingung nachgibt und ich gestoppt werde. Wow, das war ein Adrenalinkick. Und die Kicks sind noch nicht zu Ende.

Zum Schluss wartet ein kilometerlanges Seil auf mich. Ich werde an Brust und Bauch und an den Füssen am Seil befestigt. Ich hänge am Seil, mein Körper zeigt nach unten. Dann breite ich meine Arme aus und fliege wie Superman einen ganzen Kilometer über Baumgipfel und grüne Landschaft. Ich bin mindestens zweihundert Meter über dem Boden und schaue fasziniert nach unten. Bin ich verrückt? Was mache ich hier? Ja, ich bin doppelt gesichert… Und dann rase ich mit voller Geschwindigkeit auf den anderen Talhang zum Ende des Seils zu. Im letzten Moment bremst der Guide, so dass ich nochmals einen richtigen Adrenalinkick kriege, von dem ich mit mit Lachen erhole.

Wenige Minuten später sind wir zurück am Eingang. Und alle Personen stehen vor dem Fernsehen. Es gab ein Erdbeben der Stärke 7.6 auf der Richterskala auf der Halbinsel Nicoya, in Costa Rica! Das haben wir gespürt auf der Plattform, da hat niemand anders als die Erde gerüttelt! Ein Spital muss evakuiert werden, da es Schäden aufweist. Immer wieder tauchen Bilder von verschütteten Strassen und unpassierbaren Brücken auf. Was passiert nun? Ich schreibe eine SMS an meine Mutter, dass es mir gut geht…

Zurück im Hostel treffe ich Ruhe an. “Wieso verunsichert sein, wir sterben alle irgendwann?” höre ich. Ich gehe ins Internet, schaue mir die Nachrichten im Fernsehen an. Zwei Tote wegen einem Herzinfarkt, ansonsten nur Sachschäden. Und die Costa Ricaner bleiben alle ruhig. Und ich fühle mich unter der Obhut deren Ruhe besser aufgehoben. Ich denke an alle Krisenszenarien, die wir aus der Schweiz kennen. Aber unsere Pläne können noch so gut sein, wir sind uns solche Katastrophen nicht gewohnt und würden wir auch so ruhig reagieren? Alleine schon die Berichterstattung auf blick.ch zum Beben in Costa Rica tönt viel dramatischer als in den lokalen Medien. Nein, ich glaube nicht, dass die Schweizer so ruhig damit umgehen könnten. Aber Ruhe zu bewahren ist bekanntlich das Wichtigste in solchen Situationen.

Auf meiner Reise habe ich mir regelmässig online die Nachrichten angeguckt und im Durchschnitt zweimal wöchentlich von Erdbeben in Zentral- und oder Südamerika gelesen. Ich habe also damit rechnen müssen, irgendwann auch ein Erdbeben zu spüren. Man muss einfach mit solchen Situationen rechnen, wenn man die Welt bereist. In der Schweiz hat man vielleicht das Bild, dass man die Situation hier nicht so gut im Griff hätte. Aber ich habe auf meinen Reisen immer wieder erfahren dürfen, dass man voll auf die Lokalbevölkerung vertrauen kann. Warum auch nicht?

Ich wollte noch am selben Tag wieder nach La Fortuna zurückfahren. Erst hiess es, dass kein Transport stattfinden würde, da keine weiteren Personen nach La Fortuna reisen würden. Dann habe ich gehört, dass sich der Vulkan Arenal, an dessen Fusse sich La Fortuna befindet, durch das Erdbeben etwas geöffnet hat. Erst hatte ich den Verdacht, dass aus Sicherheitsgründen keine Transporte stattfinden. Der schnellste Transport zurück anch La Fortuna ist eine Kombination aus einem Bus an den See, die Überquerung per Boot und ein zweiter Bus. Der Arenalsee ist der zweitgrösste künstliche See in Zentralamerika, hat also eine Staumauer und ergibt 38 Prozent der costa ricanischen Stromproduktion. Möglicherweise ist ja eine Strasse verschüttet worden – es wäre nicht die Einzige gewesen – oder der Staudamm muss überprüft werden, dachte ich mir.

Ein Anruf nach La Fortuna genügte und knapp zwei Stunden später wurde die Unmöglichkeit möglich. Ich wurde von einem Bus abgeholt und als einzige Passagierin an den See gefahren. Von dort kamen Boote mit Personen an, die in die andere Richtung von La Fortuna nach Monteverde fuhren. Ohne meinen Kontakt in La Fortuna hätte mich also niemand dahin gefahren. Aber da weitere Passagiere auf der Gegenrichtung unterwegs waren, gab es keinen zusätzlichen Aufwand mich mitzunehmen. Und so kam ich gegen Abend sicher in La Fortuna an.

Am nächsten Tag fuhr ich zum Fluss mit dem thermalbadwarmen Wasser. Irgendwann hat es zu gewittern begonnen und ich habe den Fluss aus Sicherheitsgründen verlassen. Dann habe ich auf dem Parkplatz auf Andrés und die Touristen gewartet, die sich nach der Wanderung im Nationalpark im Fluss entspannen wollten. Wenige Minuten später kam die Gruppe an. Andrés meinte, dass eine Schweizerin aus Luzern dabei sei. Und so habe ich Ines getroffen, die in der gleichen Firma wie ich ihre Lehre gemacht hat. Welch eine Überraschung! So haben wir gleich für den Abend abgemacht was zusammen Trinken zu gehen. Es war richtig komisch wieder einmal Schweizerdeutsch zu reden…

Ähnliche Artikel:

Antwort eingeben

< script type = "text/javascript" > //