Die Lebensweise der Ticos

Ich war noch nie zuvor so lange in einem anderen Land wie in Costa Rica. Insgesamt habe ich zwei Monate in diesem Land verbracht. Anfänglich hat es mir gar nicht gefallen, weil es mir viel zu entwickelt war und ein Costa Ricaner meine Kollegin im Schlaf ausrauben wollte. Dann bin ich trotzdem geblieben, respektive nach einigen Tagen in Panama nochmals zurückgekehrt.

Es war eine interessante Zeit und ich habe ein Land und seine Leute näher kennen gelernt. Ein Land, das von Vielen als das Land zum Auswandern gewählt wird. Nach diesen zwei Monaten kann ich ganz gut nachvollziehen warum. Costa Rica bietet einen guten Lebensstandard, man gibt also nicht alles auf und hat gleichzeitig ein viel angenehmeres und stressfreieres Leben. Pura vida – reines, pures, frohes Leben oder wie man diese häufig gesagten Wörter übersetzen will.

Pura vida kann bei der Begrüssung, als Antwort auf die Frage des Ergehens, bei der Verabschiedung oder bei sämtlichen anderen Gelegenheiten verwendet werden. Pura vida gehört zu Costa Rica und macht Begegnungen einzigartig wie das permanent verwendete “con mucho gusto”, was so viel wie “sehr gern geschehen” bedeutet und ebenfalls nur in Costa Rica verwendet wird. Panama, Kolumbien – pura vida und con mucho gusto fehlen mir.

Der Costa Ricaner oder auch Tico genannt, liebt es gemütlich. Zwar haben es viele Latinos oder auch andere Nationalitäten gerne gemütlich. Aber keine andere Nationalität strahlt die Gemütlichkeit so zufrieden aus. Anscheinend sind Costa Ricaner gemäss Statistik die glücklichsten Menschen der Welt. Der Costa Ricaner ist immer gut gelaunt, nimmt die Dinge locker, geht Eins nach dem Anderen an, macht sich keine Sorgen um das Morgen und unterhält sich gerne mit anderen Leuten. Dem Tico ist Geld und Luxus nicht so wichtig. Er will ein Häuschen, vielleicht ein Auto und ist mit der bescheidenen Ausführung zufrieden. Es geht ums Leben, nicht ums besser werden oder immer mehr haben. Es muss einfach genug zum Leben sein. Und viel braucht man dazu eigentlich nicht. Familie, Freunde, eine Arbeit, etwas Geld, ein Häuschen oder eine Wohnung, ein Bett, Kleider, Wasser, Essen…

Andererseits tragen viele Ticos aber auch Markenklamotten wie z.B. Hollister California. Mir hat ein Tico selber mal gesagt, dass sie faul seien. Sprich, die Leute sind zu faul sich mehr zu erarbeiten oder sie sind einfach zufrieden mit dem was sie haben und leicht erarbeiten können. Wie auch immer… Dass die meisten einen Pick up fahren und nicht einen Kleinwagen hat aber weniger mit dem Status, sondern viel mehr mit dem Zustand der Strassen zu tun. Die Strassen sind abseits der Hauptrouten nicht asphaltiert und/oder haben immense Schlaglöcher. Ein 4×4-Fahrzeug kostet in Costa Rica dank der Nähe zur USA auch niemals so viel wie in der Schweiz oder anderen europäischen Ländern.

Fahren in Costa Rica ist ein kleines Abenteuer für sich, obwohl längst nicht so abenteuerlich wie in anderen lateinamerikanischen Ländern. Es gibt eher wenig Signalisation, so dass für mich die Situation oft unklar war. Beispielsweise fährt man durch eine Stadt und kommt an eine Kreuzung ohne Rotlicht oder irgendwelche Markierungen. Es gilt also Rechtsvortritt oder? Nein! Die Hauptverkehrsroute hat Vortritt. Aber wie weiss ich ohne Markierung, dass ich auf der Hauptverkehrsroute bin? Wenn ich nicht die Einzige bin und in einer Kolonne fahre, kann ich mich einfach dem Verkehr fügen, kein Problem. Wenn ich aber die Einzige war, hat mein ungeschultes Auge dies nicht erkannt. Ich wurde häufig gefragt, warum ich denn anhalte. Tja, lieber vorsichtig, wenn ich mir unsicher bin oder? Der Latino würde einfach hupen à la “Achtung, ich komme”. Das funktioniert sehr gut, ich habe vielleicht einen Unfall gesehen in den zwei Monaten in Costa Rica. In der Schweiz sehe ich manchmal innert einer Stunde auf der Autobahn drei Unfälle…

Einmal war ich viel zu schnell unterwegs… 97 im 60iger… hmm. Und dann kommt plötzlich so 50 m vor mir ein Polizist auf die Strasse gesprungen. Was mache ich? Quasi eine Vollbremse, respektive habe ich so stark gebremst wie ich das verantworten konnte auf der sandbelagerten Strasse und einige wenige Meter nach der Polizei angehalten. Die Costa Ricaner haben sich schockartig festgehalten und die Welt nicht mehr verstanden. Der Tico würde langsam bremsen und dann halt 100 m weiter unten halten und die Polizei würde dahin laufen. Und jetzt kommts! Ich bin mit einer Busse von 10 Franken davon gekommen. Wobei ein Tico locker einen Hunderter dafür hätte hinblättern müssen, weil das Verfahren komplizierter ist und über den Ausweis läuft…

Die meisten Brücken in Costa Rica können nur einspurig befahren werden. Aber auch das geht mittels einer Vortrittstafel ganz gut. Kommt man an eine Baustelle, so nimmt der erste Fahrer der Kolonne eine Fahne mit und händigt diese am Ende der Baustelle dem Arbeiter aus, der sie dann wieder dem ersten Fahrer der Kolonne der Gegenspur übergibt. Zum Glück fuhr ich nicht alleine, als ich das erste Mal an eine Baustelle gekommen bin. Ich hätte das System nie begriffen, zumal immer ein Arbeiter den Verkehr regelt und auch ein Walkie Talkie hat… aber warum davon Gebrauch machen, ist doch viel lustiger mit der Fahne…

Interessant ist auch der Umgang mit dem Geld. Löhne werden zwar wie meines Wissens überall in Zentralamerika alle 15 Tage, also zweimal monatlich, bezahlt. Aber meistens eben nicht pünktlich. Dann sind die Ferien eingegeben, aber das Geld fehlt. Was macht der Tico? Er leiht sich von überall Geld, wo er es nur herkriegen kann. Familie, Freunde, Arbeitskollegen… ein bisschen hier, ein bisschen da. Und fährt er erstmal weg, kann die Suche weitergehen. Ich habe es selber miterlebt, wie ein Tico das ganze Wochenende herum telefoniert hat, bis ihm irgend ein Cousin per E-Banking etwas Geld überweisen konnte.

Auch in den Geschäften gibt es ein interessantes System. Ich will mir ein Markenshirt kaufen oder ein Ausrüstungsgegenstand. Kein Problem. Ich nehme das geliebte Teil, gehe damit zur Kasse, zücke meine ID (funktioniert natürlich nur mit der costa ricanischen ID) und zahle was ich kann. Das gute Stück wird dann hinterlegt, ich kriege einen Kassabon auf meinen Namen mit dem ausstehenden Betrag. Wann immer ich nun etwas Geld habe, gehe ich wieder ins Geschäft, bezahle etwas an mein gutes Stück, kriege einen neuen Kassabon. Und so geht das weiter bis ich das gute Stück ganz bezahlt habe und mitnehmen kann. Das Gute daran? Es ist nicht ein Abzahlungskauf, ich bezahle den selben Preis, ja genau, du liest richtig! Der Costa Ricaner hält eben nichts von der normalen Sparmethode…

Aber er hat noch ein anderes unliebsames Hobby. Alles was irgendwo gerade unbeaufsichtigt liegen bleibt, lässt er einfach mitlaufen. Jedes Mal wenn ich irgendwo Baden war, haben Leute ihre Sachen gesucht und nicht wieder gefunden… Wirklich jedes Mal. Mir wurde auch mal die Zimmertür aufgeschlossen, mein Schloss aufgebrochen und meine Minikamera und meine teure Taschenlampe sowie mein Schweizer Sackmesser geklaut:-(

Einerseits liegt Costa Rica unter einem ziemlich starken US-amerikanischen Einfluss, andererseits sind die Bewohner aber immer noch Latinos. Und Latinos lieben Kinder. Ich war etwas über eine Woche in einem Kinderheim, wo ich mitgeholfen, äh hauptsächlich mit den Kindern gespielt habe. Die Kinder werden sehr liebevoll umsorgt. Die Mädchen laufen mit herzigen Frisuren herum, die Haare der Jungen werden gegelt. Alle sind kleine Prinzessinen und Prinzen, die aber gleichzeitig wahnsinnig gut erzogen sind. Ich zumindest habe noch nie gesehen, dass man einem Fünfjährigen, der sein Getränk verschüttet, sagen kann, dass er den Putzlappen holen und aufputzen soll. Und der machts ohne zu murren, einfach selbstverständlich. Man spielt mit den Kindern und irgendwann ist es Zeit aufzuräumen. Man beginnt damit und schon beginnen die Ersten selbstverständlich mitzuhelfen. Klar, verziehen sich die Einen dann. Und sicher streiten sie sich auch oder quängeln mal – sind ja schliesslich Kinder. Aber im Grossen und Ganzen sind sie sehr selbständig und das schon mit wenigen Jährchen.

Abfall wird in Costa Rica nicht einfach so auf die Strasse geworfen. Hier bemerkt man schon die in die Bildung investierten Gelder. Es gibt überall auf öffentlichem Grund genügend Abfalleimer. In vielen lateinamerikanischen Ländern ist dies nicht der Fall. Überrascht hat mich, dass auch häufig bereits Abfalltrennung betrieben wird. Beim Eingang eines Nationalparks stehen jeweils verschiedene Fässer, die gemäss ihrem vorgehesehenen Inhalt beschriftet sind. Und in vielen Hostels stehen ebenfalls unterschiedliche Behälter bereit.

Der Costa Ricaner ist also verhältnismässig sehr gut gebildet. Ich habe einige junge Leute kennen gelernt, die sich weiterbilden lassen oder weiter studieren. Allerdings bietet da die staatliche Uni wenig Flexibilität. Private Einrichtungen sind zwar etwas teurer, die Kurse lassen sich aber flexibler gestalten, so dass der junge Tico blockweise arbeiten kann oder neben der Arbeit Abendkurse belegen kann.

Seine Freizeit verbringt der Tico draussen mit Familie und Freunden. Entweder im Park oder irgendwo am Wasser – Strand, Fluss, Thermalquelle, Wasserfall, je nachdem, was gerade in der Nähe liegt. Die Frauen sind dabei eher scheu und Baden eigentlich fast nur mit Shorts und T-Shirt. Da hatte ich als Touristin immerhin die Ausrede, dass ich an meiner Bräune arbeiten muss, so oft man mir schliesslich gesagt hat wie weiss ich bin.

Und dies obwohl der Tico die hellste Hautfarbe aller Zentralamerikaner hat. Ich habe einige Ticos gesehen, die mindestens so weiss waren wie ich. In Guatemala, Honduras und Nicaragua leben mehr indigene Völker, so dass deren Hautfarbe aufgrunddessen eher etwas deutlicher braungebrannt wirkt. Von Guatemala nach Costa Rica werden die Menschen mit jedem Land heller und grösser – aber nicht unbedingt freundlicher oder hilfsbereiter.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Costa Ricaner aufgrund ihres amerikanisierten Lebensstils weniger auf den öffentlichen Verkehr angewiesen sind… Zumindest ist es in Costa Rica alles andere als einfach eine korrekte Auskunft über Busverbindungen zu erhalten geschweige denn aufeinander abgestimmte Verbindungen zu finden. Der Tico selber nimmt das locker, da zeichnet sich wieder der Latino ab.

Am 15. September ist der Unabhängigkeitstag von Costa Rica. Ich habe während meines ganzen Aufenthalts die Défilés täglich proben hören und mich immer wieder schmunzelnd an die Luzerner Fasnacht erinnert. Die Lieder, die gespielt wurden und wie sie gespielt wurden, erinnern doch sehr an de Fasnacht. Am Vorabend gab es einen Umzug mit den jüngsten Schulkindern, die mit selber gebastelten Laternen nach einer Messe durch die Strassen gezogen sind. Am Unabhängigkeitstag selber ziehen dann die Jugendlichen mit ihren Instrumenten durch die Strassen. Alle sind klassisch schön angezogen, musizieren, tanzen oder tragen Fahnen. Teilweise haben sich die Leute auch verkleidet…

Die Küche Costa Ricas ist wenig abwechslungsreich, aber meistens in sehr guter Qualität zubereitet. Reis und Bohnen bilden den Hauptbestandteil der Nahrung wie in anderen zentralamerikanischen Ländern ebenfalls üblich. Gallo Pinto besteht aus gekochten schwarzen Bohnen mit Reis untereinandergemischt und wird mit Eiern zusammen als traditionelles und eher deftiges Frühstück genossen, das aber dann gut bis Abends hinreicht. Der Klassiker für das Mittag- und das Abendessen ist das Casado. Das Casado besteht wiederum aus Reis und Bohnen, dieses Mal separat angrichtet, einem Stück Fleisch, etwas Salat, etwas gebratene Kochbanane und/oder Yuca, eine leckere der Kartoffel ähnelnden Knolle. Casado heisst auf Deutsch “verheiratet”. Wenn ein Tico heiratet, ratet mal was er täglich von seiner Frau gekocht kriegt?

 

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