Ein kurzer Abstecher nach Chile

Ehrlich gesagt, hatte ich ziemlich viele Vorurteile gegenüber Chile. 1. Soll es hier wahnsinnig teuer sein, teurer als in Argentinien. 2. Ist Chile so oder so auch sehr europäisch geprägt wie Argentinien. Und wie es so ist beim Reisen, man muss sich für Orte oder Länder entscheiden und kann nicht alles bereisen. So habe ich mich zu Gunsten von Argentinien für einen kurzen Aufenthalt in Chile entschieden. Und ich war positiv überrascht.

 

Vorurteile stimmen nur bedingt

Meine Vorurteile haben sich nicht wirklich bestätigt. Da die Preise in Argentinien durch eine jährliche Inflation von 25 % (der Staat behauptet zwar nur 14 % oder so) in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen sind, ist Chile gar nicht mehr wirklich teurer. Eine Übernachtung in einem Hostel kostet etwa gleich viel, Supermärkte sind wesentlich günstiger und mit Produkten besserer Qualität ausgestattet, Restaurants sind ebenfalls etwa gleich teuer, wenn nicht günstiger, wenn man das sehr gute Preis-/Leistungsverhältnis betrachtet. Der öffentliche Verkehr ist leicht günstiger und dazu kann man in Chile viele Sachen gratis machen. So verlangen auch viele Museen keinen Eintritt. Im Übrigen ist auch der Wein deutlich günstiger respektive ist chilenischer Wein auch in der tiefsten Preisklasse top.

Ja, eine europäische Prägung ist definitiv auszumachen. Erstaunlich viele Personen sprechen Deutsch. In Chile gab es viele deutsche Einwanderer. Und eine der Biermarken Chiles heisst Kunstmann und ist natürlich ein deutsches Bier. Und sicherlich ist die Infrastruktur in Chile sehr gut ausgebaut und weist gegenüber anderen lateinamerikanischen Ländern einen hohen Standard auf. Aber trotzdem finde ich bei den Chilenen noch mehr südamerikanische Eigenschaften und Einflüsse als bei den Argentiniern.

Die Chilenen sind sehr freundlich und hilfsbereit. Wenn du als Tourist mit einer Karte in der Hand auf der Strasse stehst, geht es nicht lange, bis dir ein Chilene seine Hilfe anbietet. Und möglicherweise begleitet er dich sogar ein Stück weit, da kommt der Latino raus…

 

Aber sie wollten mich nicht so schnell ins Land lassen…

Ich bin ganze 5 Stunden in den argentinischen Bergen an der Grenze zu Chile am selben Fleck in einem Bus gesessen. Irgendwann hat der Busfahrer über die Vorschriften hinweggesehen und die Türe geöffnet, so dass die Passagiere sich die Füsse vertreten konnten. Viel gab es zwar nicht zu sehen in der rauen Landschaft irgendwo in den Anden nur wenige Kilometer vom höchsten Berg der westlichen Hemnisphäre entfernt. Aber so ein bisschen frische Luft und Bewegung war ganz angenehm. Als wir dann endlich nach der Einreisebehörde beim Zoll angelangten, war deutlich dicke Luft spürbar. Wir wurden genauestens beobachtet. Irgendwann sickerte dann das Gerücht durch, dass in einem der Busse vor uns Drogen gefunden wurden. Das erklärt natürlich alles. Wahrscheinlich haben sie den ganzen Bus auseinander genommen. Bei der Einreise nach Chile kann man sogar wegen einem Apfel oder einer Banane gebüsst werden, weil Chile seine Artenvielfalt und Natur schützen will und die Einfuhr von fremden Keimen nicht riskieren will.

 

Valparaiso

Valparaiso ist voller Leben und Farbe. Und die Stadt mit ungefähr 250‘000 Einwohner weist eine interessante Geschichte auf. Valparaiso war einst ein wichtiger Hafen bevor 1914 der Panamakanal eröffnet wurde. Schiffe, die an die Westküste der USA unterwegs waren, haben in Valparaiso einen Stopp eingelegt. Dies haben auch viele europäische Einwanderer erkannt, sich in Valparaiso niedergelassen und florierende Geschäfte aufgebaut.

Zum ersten Mal habe ich von den Free City-Touren gegen Trinkgeld gehört und gleich an einer teilgenommen. Ich war begeistert. Das Konzept ist genial und ich bin überzeugt, dass auch auf diesem Weg ein ganz schöner Betrag für die Organisatoren zusammen kommt. Dank der Tour habe ich dann auch einige interessante und lustige Geschichten über Valparaiso mitbekommen, die doch sehr helfen, diese spezielle Stadt besser zu verstehen.

  • Valparaiso ist farbig. Die Häuser sind in allen möglichen Farben bemalt. Der Grund dafür kommt aus der Zeit der Schifffahrten. Die übrigen Farben wurden von den Bewohnern Valparaisos einfach weiter verwendet.
  • Valparaiso ist die Stadt der Graffitis. Es gibt unzählige Strassenkünstler, die teilweise sogar für ihre Werke bezahlt werden und diese auch nicht ungefragt hinterlassen. Man respektiert sich gegenseitig, so dass die Einwilligung eingeholt wird und andere Werke nicht übersprayt werden.
  • Die Einwanderer haben je nach Nation jeweils eine eigene freiwillige Feuerwehr gegründet. Valparaiso hat also auch heute noch eine deutsche, amerikanische, italienische etc. Feuerwehr. Besonders witzig zu sehen, wenn man an einem Feuerwehrdepot vorbeiläuft, dass die Feuerzeuge immer in der jeweiligen Landessprache beschriftet sind. Wenn es dann mal brennt und die Feuerwehr gerufen wird, so kommt die nächstgelegene Station zum Einsatz, die Nationalität spielt hier keine Rolle mehr.
  • Vor dem Justizpalast steht eine etwas ungewöhnliche Statue und die Geschichte dahinter ist besonders lustig. Ein Brite hatte was mit der Gerichtssekretärin. Dies hat aber dem Gerichtspräsident nicht gefallen, so dass der Brite ins Gefängnis geschickt wurde. Allerdings konnte er sich freikaufen, hat Chile verlassen und ist nach England zurückkehrt. Der Mann war sehr vermögend und wollte sich einen Scherz erlauben. So hat er sich gedacht, Valparaiso eine Bronzestatue zu schenken. Jene Städte, die zu jener Zeit eine Bronzestatue von einem französischen Künstler hatten, wurden als wichtige und bedeutende Orte angesehen. Valparaiso hat die Statue also dankend angenommen und erst nach 30 Jahren realisiert, dass sich der Brite einen Scherz erlaubt hat. Die Statue hat eine Waage (Justicia, Gerechtigkeit) in der Hand. Allerdings hält sie diese als unwichtiges Ding an ihren Körper im Sinne von „so genau nehmen wir es mit der Gerechtigkeit“… Und da ist noch ein Kreuz, das umgedreht in ihrer Hand liegt. Und dies in einem katholischen Land…

Die Stadt erstreckt sich über mehrere steile Hügel. So haben sich die Bewohner etwas besonders einfallen lassen um nicht die steilen Treppen besteigen zu müssen. Sie haben Lifte gebaut, die wie eine Mini-Zahnrandbahn aussehen und von denen heute noch sieben Stück in Betrieb sind.

In Valparaiso unterwegs zu sein ist also ein interessantes und abwechslungsreiches Abenteuer. Farbige Gebäude, tolle Graffitis, tolle Aussicht von den Hügeln, abenteuerliche Liftfahrten, Seelöwen im Hafen begutachten und die beste Meeresfrüchtesuppe für neun Franken am lokalen Markt essen…

 

Santiago de Chile

Santiago hat deutlich weniger Charme aufzuweisen. Santiago ist die Hauptstadt Chiles und somit der Regierungssitz und die Finanzzentrale. Die Stadt verfügt über ein modernes Metronetz, zahlreiche Restaurants, einen tollen Fischmarkt, Ausgehmöglichkeiten, Parks, Museen etc.

Besonders witzig fand ich die „Café’s mit Beinen“, die vor einigen Jahrzehnten Santiagos Innenstadt zu schmücken begannen. Kaffee in Chile bedeutet in der Regel Néscafé. Aber für einen Banker oder einen sonstigen Geschäftsmann gehört sich ein richtiger Espresso. Somit gibt es nun einige Kaffeebars. Was haben diese aber mit Beinen zu tun? Die Bedienung in einer solchen Kaffeebar ist gross, hübsch, hat lange Beine und zeigt diese mit einem kurzen Kleidchen. Die Kaffeebars sind meistens offen oder mit grossen Schaufenstern versehen und da fiel mir etwas auf. Entweder ist die Tradition schon ziemlich aus der Mode geraten oder die heutigen Geschäftsmänner sind zu gestresst für einen Kaffee oder haben eine gute Maschine im Büro…. Denn ich habe hauptsächlich sabernde Rentner in diesen Kaffeebars gesehen…

Und einmal mehr habe ich festgestellt, dass das Argument, dass Chile teurer als Argentinien ist, nicht mehr zutrifft. Kleider, Kosmetikartikel sind in Chile definitiv günstiger und qualitativ zugleich um Einiges besser.

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