Zu Besuch bei Dr. Beat Richner im Kinderspital Kantha Bopha

Ich behaupte mal, dass jede/r Schweizer/in bereits schon einmal von den Kinderspitälern “Kantha Bopha” in Siem Reap und Phnom Penh, Kambodscha gehört hat. Und der Besuch dieses Spitals stand eigentlich schon immer auf meiner Bucket List, wenn ich denn einmal in Kambodscha bin. In Siem Reap war ich mir dann plötzlich nicht mehr so sicher, ob ich hingehen soll. Ich bin als Backpacker unterwegs und trage eigentlich kein Spendenkässeli mit mir. Im Nachhinein bin ich sehr froh darüber, dass ich hingegangen bin. Es war einfach unbeschreiblich und äusserst beeindruckend.

Wie jeder Schweizer, kennt auch jeder Kambodschaner die Kantha Bopha Spitäler. Und so hat mir sogar der Tuk-Tuk-Fahrer einen überaus fairen Preis von drei Dollars hin und zurück inklusive Wartezeit gemacht. Und dafür musste ich nicht einmal verhandeln.

Dr. Beat Richner gibt jeweils am Samstagabend ein Cellokonzert für Touristen. Er spielt ein Stück und erzählt etwas über die Geschichte des Spitals, die Spendengelder und den harten Alltag ein solches Werk in einem Drittweltland zu betreiben. Er gibt einen Gedanken mit, bevor er wieder das nächste Stück spielt. Es ist kaum überraschend, dass die Hälfte der Leute im Saal Schweizer sind und Richner spricht auch mal ein paar Worte Schweizerdeutsch oder Französisch. Er spart auch nicht mit humorvollen Sequenzen und kommt so sehr sympathisch rüber.

Schliesslich wird auch ein Film gezeigt, der zum 15-jährigen Jubiläum der Spitäler von der Schweiz gedreht wurde. Der Film zeigt auch den Besuch der Schweizer Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey im Jahr 2007. Dabei ist mir besonders eine Szene in Erinnerung geblieben. Richner zeigt Calmy-Rey die Tuberkulose-Abteilung und erklärt, dass 65 % der Kambodschaner den Tuberkulose-Virus in sich tragen – ein Überbleibsel vom engen Zusammenleben in den Konzentrations- und Arbeitslagern zu Khmer Rouge-Zeiten. Calmy-Rey und Richner sprechen darüber, dass Tuberkulose über Anhusten übertragen wird. Calmy-Rey meint, dass sie geimpft sei. Richner meint, er auch, aber dass die geimpften Fälle schwerer verlaufen. Calmy-Rey fühlt sich sichtlich unwohl und schaut in der Spitalabteilung umher. Richner sagt, dass in all den Jahren kein/e Angestellte/r an Tuberkulose erkrankt war, weil Ventilatoren und offene Fenster für eine gute Belüftung der Räume sorgen und die Ausbreitung somit eindämmen können. Calmy-Rey scheint ein wenig beruhigt zu sein…

Aber zurück zur beeindruckenden und berührenden Story rund um die Kinderspitäler. 1962 hat König Sihanouk in der Hauptstadt Phnom Penh ein Kinderspital eröffnet und nach seiner mit 5 Jahren an Leukämie verstorbenen Tochter “Kantha Bopha” benannt. 1969 war das kambodschanische Gesundheitssystem unter König Sihanouk besser entwickelt als in Singapore oder Kuala Lumpur (diese beide Städte gehören heute zur bestmöglichsten Versorgung in Asien). Beat Richner hat fürs Rote Kreuz in Kambodscha gearbeitet bis 1975 die Roten Khmer die Bevölkerung in Konzentrations- und Arbeitslager übers gesamte Land verteilt deportiert haben. Richner wurde wie sämtliche Ausländer evakuiert und ist in die Schweiz zurück gekehrt. Jahre später – vor etwas mehr als 20 Jahren haben sich König Sihanouk und Richner an einem Konzert in Bern wiedergetroffen. König Sihanouk hat ihn gebeten nach Kambodscha zurückzukehren und das vom Krieg vollständig zerstörte Krankenhaus wieder aufzubauen und zu leiten. Dr. Beat Richner nahm die Herausforderung an.

Über die 20 Jahre sind fünf Spitaler in Phnom Penh und in Siem Reap entstanden, in denen 92 % der Hospitalisierungen von kambodschanischen Kindern stattfinden. 80 % der hospilitarisierten Kinder würden sterben, wenn es diese Spitäler nicht gäbe, weil sie aus armen Bauernfamilien stammen, die bei einem Durchschnittseinkommen von 240 US-Dollars jährlich in absoluter Armut leben (absolute Armut wird durch ein Einkommen von unter einem US-Dollar pro Tag definiert). Die meisten Behandlungen sind gegen Dengue-Fieber, Tuberkulosis, Brandverletzungen etc.

Die Spitäler werden ausschliesslich mit Spendengeldern betrieben um die Versorgung der kambodschanischen Kinder zu garantieren. 41 Millionen US-Dollars waren es 2012. 4 Millionen vom Schweizer Staat, 3 Millionen von Kambodscha und 5 Millionen wurden alleine durch die Konzerte, die Richner wöchentlich in Siem Reap gibt eingenommen. Damit wurden 150’000 Kinder (25 % mehr als 2011) hospitalisiert und über 775’000 Kinder ambulant behandelt!

Wie in anderen Drittweltländern stehen die Familien mit ihren Kindern Schlange. Die Krankenhäuser nehmen nämlich gleichzeitig auch die ärztlicher Versorgung wahr für Kinder, die nicht hospilitarisiert werden müssen. Und das alles schafft Richner mit 2’400 Angestellten, von denen er und der Laborleiter die einzigen Nicht-Kambodschaner sind. Die Angestellten werden von Westlern ausgebildet und erhalten gerechte Löhne für kambodschanische Verhältnisse, so dass sie nicht korrupt sein müssen und alle Patienten gleich behandelt werden können. Richner sagt, dass es nur um Gerechtigkeit geht. Gerechtigkeit, dass jedes Kind eine ärztliche Grundversorgung hat und es keine Rolle spielen soll, ob das Kind in Zürich oder in Phnom Penh lebt.

Richner ist kein Freund von Hilfsorganisationen und wird häufig von der Weltgesundheitsorganisation angegriffen. Diese propagiert nämlich, dass in allen Ländern Patienten einen Betrag für ihre Behandlungen leisten müssen. Diese Aussage habe ich übrigens auch im Buch “How to end poverty” von Jeffrey Sachs gelesen. Wie ist das denn möglich? Wie können wir Westler sowas fordern? Bei einem Einkommen von weniger als einem Dollar pro Tag für die meisten Betroffenen? Kinder, die mit einer schweren Form des Dengue-Fiebers infiziert in den Krankenhäusern eintreffen, stehen unter Schock und müssen mit Bluttransfusionen behandelt werden, ansonsten sterben sie. Die Behandlung kostet rund 260 US-Dollars pro Dengue-Fall. Vielleicht könnte die Familie einen Wasserbüffel, einige Schweine oder das Motorrad verkaufen, wenn sie überhaupt einen solchen Besitz haben. Und wie werden dann die Felder bearbeitet, woher kommt das Essen, wie wird das Gemüse dann zum Verkauf auf den Markt gebracht? Dengue ist die schlimmste Bedrohung für ein kambodschanisches Kind, es gab regelrechte Epidemien in den vergangenen Jahren (40 Fälle pro Nacht im Juli/August 2012). Und die meisten kambodschanischen Familien haben mehrere Kinder…

Die Kinder werden häufig mit Motorrädern von ihren Familien ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht – häufig eine beschwerliche Reise über mehrere Stunden. Das Krankenhauspersonal gibt auch Geld an die Familien, damit diese für das Kind Essen kaufen können (das in der Stadt viel teurer ist und eine Mahlzeit pro Tag schnell mehr als ein Tageseinkommen erfordert) oder für den Transport zu Nachuntersuchungen.

In Richners Spitälern werden auch alle Bluttransfusionen getestet. Dies ist in den meisten kambodschanischen Krankenhäusern nicht der Fall. Man stelle sich vor, dass es heute immer noch Fälle gibt, wo HIV oder Hepatitis durch Bluttransfusionen weitergegeben wird… Realität in einem Entwicklungsland! Dr. Beat Richner sagt, dass ohne die Bluttest von den 40 Kindern, die jede Nacht im Juli/August 2012 eingeliefert wurden, 7 HIV und 20 Hepatitis B erhalten hätten ohne die Bluttests!

Dank freiwilligen Schweizer Ärzten wurden kambodschanische Ärzte sogar für Herzoperationen ausgebildet, die diese nun selbständig durchführen können. Die Weltgesundheitsorganisation findet auch diese Massnahme übertrieben, denn gemäss ihrer Aussage soll die Gesundheitsversorgung in einem Land entsprechend der Entwicklung und der wirtschaftlichen Realität eines Landes durchgeführt werden. Fazit: keine Tests von Bluttransfusionen, Kinder mit Herzfehlern oder Krebs würden sterben, weil moderne Behandlungen zu teuer sind und somit nicht der wirtschaftlichen Realität des Landes entsprechen! Ist das zu glauben? Es zeigt die Realität von den meisten Hilfsorganisationen auf: Feuer löschen anstelle nachhaltige Lösungen aufzubauen. Wer sich für dieses Thema interessiert, kann “How to end poverty” von Jeffrey Sachs lesen – ein Augenöffner und eins der besten Bücher, die ich je gelesen habe.

Gerade deshalb gefällt mir die Idee, dass Richner seine Spitäler mit lokalen Angestellten betreibt und somit nachhaltig zum Fortschritt von Kambodscha beiträgt. Und mit was für einem Erfolg. Der letzte Ausbruch der Vogelgrippe in Kambodscha wurde nicht durch die WHO entdeckt, wie diese behauptet, nein, es waren die kambodschanischen Ärzte in Kantha Bopha. In Siem Reap finden tagtäglich 60 Operationen statt. Und seit kurzer Zeit gibt es in Siem Reap eine Gebährabteilung mit 60 Geburten pro Tag. Dies kriegt gemäss Richner kein Schweizer Spital hin! In den ersten 15 Jahren wurden 7.6 Millionen Kinder in Kantha Bopha behandelt. Die Krankenhäuser haben heute die höchste Kosten-/Heilungskorrelation aller Spitäler weltweit und die Kindersterblichkeit liegt unter 0.25 %.

Der Besuch des Krankenhauses hat mich emotional aufgewühlt und zutiefst beeindruckt. Und ich weiss nun, wohin meine Spenden fliessen, sobald ich wieder Geld verdiene…

Wer sich für weitere Informationen interessiert: www.beatocello.com

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Eine Antwort to “Zu Besuch bei Dr. Beat Richner im Kinderspital Kantha Bopha”

  1. Pia Hess sagt:

    Super Bericht von Richners Spital, sehr interessant.

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