Das wahre Kambodscha sehen… Kratie und Ban Lung

Die meisten Touristen gehen nach Siem Reap um Angkor Wat zu sehen, nach Phnom Penh zum S-21 Gefängnis und den Killing Fields und machen Party in Sihanoukville. Vielleicht liegt noch ein Abstecher nach Battambang oder auf die Insel Koh Rong drin, aber für ein Grossteil der Rucksacktouristen wars das dann. Ich habe mich sofort in Kambodscha verliebt als ich über die Grenze kam. Und deshalb war für mich klar, dass ich mehr vom wahren und richtigen Kambodscha sehen will.

Kratie
Zum ersten Mal sehe ich den Mekong! Bekannt für die letzten Süsswasserdelfine, die es hier zu sehen gibt. Aber diese verhältnismässig teuere Touristenattraktion lässt mich kalt. Ich miete einen Roller und fahre den Mekong entlang. Kaum bin ich unterwegs, schon beginnt es zu regnen. Ich bin zu Beginn der Regenzeit unterwegs. Regen ist also nichts Aussergewöhnliches. Aber die Regenmengen, die hier vom Himmel fallen sind enorm. Das heisst, es wird rutschig auf der Strasse und trotz dem tropischen Klima kühlt der Regen doch ab. Einmal tropfnass, trocknet man nicht so schnell und beginnt zu frieren. Also muss ich irgendwo stoppen. Links von mir liegt der Mekong, rechts von mir sind Felder. Aber dann sehe ich ein lokales Restaurant. Ich halte an. Sofort wollen mir die Teenager-Jungs ein Getränk verkaufen. Ich nehme dankend an und setze mich hin. Innerhalb der nächsten Minuten treffen viele Kambodschaner ein, die ihre Reise unterbrechen und einen Regenstopp einlegen. Keiner spricht Englisch, mein Kambodschanisch reicht gerade für “Hallo”, “Danke” und die Zahlen von eins bis zehn. Aber das ist kein Problem. Die Menschen lächeln. Die Kinder kommen näher…

Irgendwann gehts dann weiter. Immer wieder stoppe ich unterwegs um Fotos zu machen. Bei einem Tempel sehe ich dann Novizenmönche. Eigentlich ist mein T-Shirt nicht schulterbedeckend, so dass ich keinen Tempel betreten sollte. Aber den Jungs ist das anscheinend egal. Sie posieren für Fotos und gestikulieren mir die Treppe hochzukommen und einzutreten. Stolz zeigen sie mir ihren Tempel.

Ich würde gerne zwei weitere Provinzen sehen Ratanakiri und Mondulkiri. Aber es gibt keine anständige Strasse, so dass ich so oder so wieder nach Kratie zurückkehren muss. Also gehe ich erst mal nach Ban Lung, die Hauptstadt der Ratanakiri-Provinz. Meine Entscheidung ist wieder mal mittels Google gefallen. Ich habe da so einen Entscheidungshelfer. Ich gebe die Namen der Ortschaften in Google ein und klicke auf Bilder. Dann entscheide ich mich für den Ort, wo mich die Bilder mehr überzeugen. Die Bilder von Ratanakiri waren von roter Erde und grünen Feldern geprägt – ich stehe total auf dieses Landschaftsbild. Das war eine einfache Entscheidung.

Ban Lung

Ich stehe mitten auf der Hauptstrasse, nachmittags, kaum Verkehr… In aller Ruhe kann ich ein Foto machen von der Strasse mit der rot gefärbten Erde auf dem Belag bevor das nächste Motorrad anrollt und mich spielend leicht umfährt. Ich liebe Kambodscha! Das Land ist einfach nicht so extrem bevölkert. Ich glaube das wird in Vietnam definitiv anders werden…

Ich habe ein Hotelzimmer an einem kleinen See ungefähr 15 Minuten zu Fuss vom Stadtzentrum entfernt. Zwar muss ich bei der grossen unerträglichen Hitze oder auch nachts einen ziemlichen Weg auf mich nehmen oder einen Motorradfahrer finden, der mich fährt. Aber es lohnt sich. Ruhe pur, herrlicher Ausblick und das Zimmer erst. 2 grosse Betten, einen Fernseher, relativ neu, sehr sauber und das für nur 6 Dollars – für mich alleine.

Das Motorrad ist das Fortbewegungsmittel Nummer Eins in vielen Teilen Südostasiens. Und wieder einmal miete ich mir so ein Ding. Eigentlich mehr ein Roller, weil ich jeweils ein Automatik-Motorrad miete, da ich nicht weiss wie ein handgeschaltetes zu fahren ist. Aber andererseits ist selbst bei einem Automatik-Motorrad die Geschwindigkeit nicht auf 40/50 kmh beschränkt. Allerdings kann man aufgrund der Strassenzustände in der Regel sowieso kaum mehr als diese Geschwindigkeit fahren. Hier nimmt mans gemütlich und fährt sicher.

Ich fahre zum Kratersee Yeak Laom. Eine Oase. Ein sauberer See mitten in der Natur. Damit man sich nicht am Auspuff verbrennt, soll man immer links vom Motorrad absteigen. Ich halte micht strickte an diese Regel. Nur zu doof, dass der Auspuff des nebenan geparkten Motorrades noch heiss ist, als ich mein Motorrad abschliesse und meinen Helm im Fach verstauen will. Autsch! Aber es gibt zum Glück genügend Getränkestände und da die Kambodschaner nichts ohne Eis trinken, gibts auch Eis. Ich zeige der Getränkeverkäuferin meine neue Wunde und frage nach Eis und schon kriege ich einen Plastikbeutel mit Eis in die Hand gedrückt. Ich setze mich hin und kühle erst mal meine Wade.

Die meisten Besucher heute sind Kambodschaner. Und die schwimmen vollständig bekleidet. Ich lasse das mit dem Schwimmen also sein. Ich finde es respektlos hier mit dem Bikini baden zu gehen und ich habe keine trockene Kleidung zum Wechseln dabei. So setze ich mich hin und werde auch schon von kambodschanischen Studenten zum Snacken eingeladen. Sie wollen alles Mögliche über mich wissen und ermuntern mich sämtliche aufgetischten Leckereien zu probieren. Es wird gelacht und genossen. Dann mache ich mich auf und laufe um den See herum. Das dauert nicht mal eine Stunde. Unterwegs sehe ich zig Feldmäuse oder -ratten wegrennen und es raschelt überall. Igitt! Aber was soll’s, die werden mich schon nicht angreifen…

Ich überlege noch eine mehrtägige Trekkingtour in den Dschungel zu machen. Aber ich habe keine geschlossenen Schuhe mehr in meinem Gepäck und es soll doch sehr viele Insekten und Blutegel geben. Zudem ist der Weg rutschig und meine Teva-Sandalen haben nicht mehr ein so gutes Profil. Deshalb buche ich ein Motorrad mit einem Englisch sprechenden Fahrer für den nächsten Tag.

Wir fahren 70 km in eine Richtung – zu weit, dass ich dies alleine auf eigene Faust machen würde. In dieser Gegend leben viele Minderheitenvölker, die sehr arm sind und mit Dollarzeichen vor den Augen schnelle Entscheidungen treffen. Die Gegend ist sehr fruchtbar und es gibt sehr viele Kautschukplantagen. Das Land wurde von den Minderheitenvölkern an Investoren verkauft. Die meisten Strassen sind nicht asphaltiert und gleichen einer roten Sandpiste. Wir kommen nur langsam voran, die Sonnenbrille schützt meine Augen vor dem Staub…

Irgendwann kommen wir in ein Dorf, wo wir einen speziellen Friedhof sehen. Wenn jemand von diesem Volk stirbt wird ein Wasserbüffel geopfert, der dann am Grab ausblutet. Die Gräber sind Unterstände und beeinhalten Dinger, die den verstorbenen Menschen lieb und wichtig waren und fürs Leben gebraucht wurden. Auf den Gräbern stehen Fernseher, Fahrräder, Moskitonetze, Geschirr, Essen etc.

Ich sehe mich im Dorf um und plötzlich läuft es mir kalt den Rücken runter. Hier herrscht unendliche Armut. Die Behausungen sind einfache Holzhütten. Und dann sehe ich einen Brunnen mit einem Kleber der Welthungerhilfe. Ich fühle mich als wäre ich irgendwo in Afrika gelandet. Nachdem ich so viele Pseudo-NGO’s gesehen habe, deren Wirkung bezweifelt werden muss, sehe ich hier wie die Ärmsten der Armen leben und Unterstützung aus dem Westen erhalten haben. Hier hat jemand die Bevölkerung unterstützt rudimentäre Lebensverhältnisse zu schaffen. Ein Brunnen für sauberes Trinkwasser! Daneben ist ein Plakat mit Zeichnen, das über Hygienemassnahmen aufklären soll.

Wir essen auf dem Markt zu Mittag. Eine Speisekarte gibt es hier nicht und Englisch spricht auch niemand. Aber mein Guide bestellt mir Nudeln mit Gemüse. Hierher verirren sich wohl kaum Touristen. Zumindest habe ich den ganzen Tag heute keine gesehen.

Dann machen wir uns auf den Weg zu einer Edelsteinmine. Hier werden bis zu 15 Meter tiefe Löcher gegraben. Auf 13 Metern werden die meisten Edelsteine gefunden. Von Hand werden die Löcher gebudelt. Nicht ungefährlich, weil die Löcher nicht nur in die Vertikale verlaufen, sondern auf einer Tiefe von 13 Metern auf horizontal gegraben wird. Es soll ab und zu mal vorkommen, dass jemand lebendig begraben wird. Die Arbeiter hier erhalten so viel Lohn wie seine Steine finden und verkaufen können. Trotz der nicht ungefährlichen Arbeit herrscht eine gute Stimmung. Und die meisten scheinen ziemlich gut zufrieden zu sein mit ihrer Arbeit und den Steinen, die sie finden und verkaufen können.

Zuletzt fahren wir in ein Dorf, wo eine Minderheit lebt, die eine andere Auffassung für die Zeit vor der Ehe haben als die meisten Kambodschaner. Dass Paare sich erstmal kennen lernen können, ist in Kambodscha nämlich nicht so einfach. Meistens wird jung geheiratet, was die Eltern vorschlagen. Voreheliche Beziehungen sind verpönt. Aber bei dieser Minderheit erstellen die Eltern den Mädchen ein eigenes Haus sobald das Mädchen 15 ist. Und dann gilt das Motto: Eigene Bude, eigenes Leben und freie Entscheidungen. Die jungen Frauen haben dann also ihre Liebhaber, die sie nachts besuchen und heiraten in der Regel dann, wenn sie schwanger werden. Zu schade, dass die Häuser dieser jungen Frauen sich auf den Reisfeldern weitab vom Dorf befinden. Denn ich hätte gerne etwas mehr dazu erfahren…

Dafür konnte ich Reiswein probieren. Das ist in etwa wie hausgebrauten Träsch oder Zwetschgen zu trinken. Bei fast 40 Grad im Schatten. Na, dann Prost!

Zurück im Hotel habe ich mir eine Dusche verdient. Meine Kleider sind rot gepudert. Die kann ich gleich in eine Plastiktüte schmeissen und in Phnom Penh waschen lassen. Das Wasser, dass von mir runter läuft unter der Dusche ist rot von dem vielen Staub, den ich heute aufgesammelt habe.

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