Phnom Penh: Schauplätze des kambodschanischen Genozides 1975-1979

Wer Kambodscha und dessen Hauptstadt Phnom Penh bereist, kommt nicht um die traurigen Tatsachen herum, die 1975-1979 in diesem Land stattgefunden haben. Für mich war die Geschichte um die Ereignisse der Khmer Rouge Herrschaft nicht neu. Ich erinnere mich an jenen regnerischen Sonntag in Genf als ich das Museum des Roten Kreuzes besucht habe. Das Museum hatte damals eine Sonderausstellung zur Khmer Rouge-Herrschaft. Ich werde den Moment nie vergessen als ich einen Kinosaal mit ungefähr 100 Menschen betrat, die sich eine Dokumentation ansahen. Alle starrten auf den Bildschirm, niemand hat sich bewegt oder auch nur geflüstert. Als der zweistündige Dokumentarfilm zu Ende war, sind die Menschen aufgestanden und haben den Saal ohne ein Geräusch von sich zu geben verlassen.

Kambodscha war lange auf einem guten Weg, politisch eines der stabileren Länder in Südostasien. Aber die Nähe zu Vietnam wurde dem Land zum Verhängnis. Die kommunistischen Vietcong (Nordvietnam) nutzten kambodschanisches Territorium als Versteck und Versorgungsroute. Dies veranlasste die USA auch Kambodscha zu bombardieren. Während das kambodschanische Staatsoberhaupt Sihanouk im Exil war, verhalfen die USA mittels einem Putsch einem General an die Macht und hatten somit freie Bahn, die von den Vietcong besiedelten Gebiete zu bombardieren. Dies führte dazu, dass sich die Kambodschaner der Armee der Roten Khmer anschlossen. Das Militärregime war korrupt und die Unterschiede von Stadt und Land sehr gross.

Die Khmer Rouge wollten das Bauerntum stärken und eine Land basierend auf einer reinen Agrarwirtschaft aufbauen. 1975 marschierten die Khmer Rouge in Phnom Penh ein und deportierten die gesamte Bevölkerung – auch aus den anderen Provinzhauptstädten des Landes – in 300 verschiedene Arbeitslager auf dem Land. Auch kranke, alte und schwache Menschen mussten ihren Wohnort verlassen und zur Arbeit antreten. Viele Menschen starben bereits infolge Krankheit, Schwäche und/oder Hunger auf dem Marsch ins entfernte Arbeitslager.

In den Arbeitslagern herrschten strenge Regeln wie in einem Konzentrationslager. Die Menschen mussten 12 Stunden und mehr pro Tag arbeiten und schwarze Einheitskleidung tragen. Es gab keine privaten Besitztümer mehr, das Essen – eine wässrige Reisesuppe ohne Nährstoffe – musste geteilt werden. Die Menschen verhungerten, obwohl sie Reis und Gemüse anpflanzten. Die Nahrungsmittel wurden jedoch exportiert um Schulden wie Waffenlieferungen zu bezahlen. Wer Essen stahl, wurde gefoltert oder direkt umgebracht. Familien wurden auseinandergerissen und in verschiedene Arbeitslager verteilt. Kinder wurden zu Kindersoldaten ausgebildet.

Die Stärkung des Bauerntums ging jedoch noch weiter. Geld oder Bücher wurden abgeschafft und verbrannt. Krankenhäuser und sämtliche öffentliche Einrichtungen wurden geschlossen oder zu Gefängnissen umfunktioniert. Die Religionsausübung und jeglicher Individualismus wurden verboten. Bildung war verpönt. Die gesamte intellektuelle Elite sollte eliminiert werden. Wer einen Beruf hatte, eine Fremdsprache sprach oder nur eine Brille trug, galt als verdächtig, wurde inhaftiert, gefoltert und schliesslich umgebracht.

Von 1975 bis 1979 wurden je nach Quelle zwischen 2 und 3 Millionen Menschen umgebracht – eine Viertel der gesamten Bevölkerung. Besondere Berühmtheit haben das Foltergefängnis Tuol Sleng (auch S-21 genannt) in Phnom Penh und die Killing Fields etwas ausserhalb der Hauptstadt erlangt.

Das Gefängnis ist heute ein Museum, wo Kambodschaner nach verschollenen Familienangehörigen suchen und Touristen mehr über den schrecklichen Genozid erfahren können. Im Foltergefängnis wurden insgesamt 14’000 Menschen inhaftiert. Davon überlebten 12 Personen. Einige Überlebende verkaufen heute Bücher mit ihrer Geschichte… Alles wurden genaustens dokumentiert. Sämtliche Inhaftierten wurden fotografiert, so dass man heute beim Besuch des Museums in Gesichter voller Angst, Hoffnungslosigkeit, Aufgabe oder teilweise auch Hoffnung schaut. Ebenso ausgestellt sind Folterinstrumente und Befragungsprotokolle, die belegen, dass Menschen unter erfundenen und absurden Vorwänden umgebracht wurden.

Bei den Killing Fields von Choeung Ek wurde ein Denkmal für die 17’000 Opfer errichtet. Man kriegt gegen Bezahlung des Eintrittspreises ein Audiogerät und bewegt sich damit von Massengrab zu Massengrab. Viele der Opfer waren zuvor im Gefängnis S-21 inhaftiert und wurden zur Hinrichtung nachts ahnungslos nach Choeung Ek gebracht. Die Hinrichtungen waren äusserst brutal. Kugeln waren den Khmer Rouge-Schlächtern zu teuer, so dass die Menschen mit Arbeitsinstrumenten erschlagen und teilweise sogar noch lebendig begraben wurden. Die Schreie der sterbenden Menschen wurden mit lauter Propagandamusik überdeckt. Kleinkinder wurden an den Beinen festgehalten und mit dem Kopf gegen einen Bäum geschleudert.

Viele der Massengräber sind in sich zusammengefallen. Überall sieht man Überreste von Skeletten und Kästen mit Stofffetzen, die einst die Kleider der Toten waren. Die Stimmung ist absolut gruselig. Auf den Zäunen, die die Massengräber heute umgeben, befinden sich Tausende Armbändchen, die von den Besuchern hinterlassen wurden.

Das Hauptdenkmal ist eine Stupa, die zum Gedächtnis der Opfer gebaut wurde. In der Stupa befinden sich Schädelknochen sortiert nach Alter und Geschlecht…

In Kambodscha gibt es unzählige solcher Orte, die auf die Geschehnisse der Vergangenheit hinweisen, die noch immer nicht ganz der Vergangenheit angehören…

1979 marschierte die Armee des wieder vereinten Vietnams nach Kambodscha ein und beendete den Genozid mit dem Gedanken Kambodscha kommunistisch zu gestalten. Die Khmer Rouge flohen in den Westen oder nach Thailand. Allerdings endete damit die Herrschaft der Khmer Rouge noch lange nicht. Denn das kommunistische Vietnam war dem Westen weiterhin ein Dorn im Auge, so dass die Unterstützung der Khmer Rouge die einfachere Alternative war. Die neue Regierung mit Khmer Rouge-Beteiligung hat sogar 1979-1990 einen Sitz in den Vereinten Nationen und Gelder aus dem Westen erhalten. Auch wenn sich die Dinge etwas beruhigt haben, verschwanden weiterhin Menschen…

Zurück bleibt eine geschwächte und traumatisierte Nation, die bis heute mit den Folgen des Genozids kämpft. 65 % der Bevölkerung tragen den Tuberkulosevirus in sich, der sich in den Arbeitslagern verbreitet hat. Die ältere Generation hat ihre Angehörigen verloren und sucht möglicherweise immer noch nach möglichen Überlebenden. Essen ist für die Kambodschaner etwas vom Wichtigsten, den viele von ihnen haben erfahren, was es heisst zu hungern. Da die gesamte intellektuelle Bevölkerung ermordert und sämtliche Infrastruktur zerstört wurde, geht die Entwicklung in Kambodscha nur schleppend voran. Es dauert Jahrzehnte um eine ganze Nation auszubilden. Hinzu kommt, dass Kambodscha eines der korruptesten Länder der Welt ist.

Die oberste Führungsriege der Khmer Rouge wurde an das Rote Khmer-Tribunal gestellt. Die Prozesse gehen schleppend voran, weil zu viele der heutigen Regierungsmitglieder auf eine rote Vergangenheit zurückblicken. Das Tribunal ist auf die Zeitspanne und der Gegenstand der Verhandlungen sind auf die Eroberungen und den Fall der Hauptstadt beschränkt, weil sonst neben heutigen Regierungsmitgliedern möglicherweise auch China, die USA, Vietnam oder sogar die Vereinten Nationen auf der Anklagebank sitzen müssten…

Persönlich sehe ich die Bildung, die von Null auf wieder aufgebaut werden muss als Eines der Hauptprobleme für die schleppende Erholung und wirtschaftliche Entwicklung in Kambodscha. In Phnom Penh steht eine Bauruine eines mehrstöckigen Hochhauses. Enthusiastisch wurde das Projekt von ausländischen Investoren gefördert bis sich irgendwann in der Rohbauphase herausgestellt hat, dass die Abwasserkanäle der Stadt niemals Abwassermengen eines solchen Gebäudes aufnehmen können. Die Geisterruine steht nun schon seit einigen Jahren und wartet auf bessere Zeiten… Das ist kambodschnischer Alltag! Solche Beispiele gibt es Unzählige.

So gerne ich für dieses wunderschöne Land und seine äusserst freundlichen Menschen hoffe, dass sich möglichst schnell alles zum Besseren wendet, so befürchte ich jedoch, dass es wie in Myanmar noch sehr, sehr lange dauern wird, bis Kambodscha nicht mehr zu einem der ärmsten und am wenigsten entwickelten Ländern der Welt gehört. Aber vielleicht sind die Kleiderfabriken von H&M, GAP & Co. bereits ein gutes Zeichen für eine voranschreitende Entwicklung. Mehr dazu im nächsten Artikel!

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