Kleiderfabriken bedeuten Entwicklung

1’100 Tote durch Einsturz einer Kleiderfabrik in Dhaka, Bangladesch, 3 Tote bei Einsturz des Dachs einer Kleiderfabrik in Phnom Penh, Kambodscha etc. – das sind aktuelle Schlagzeilen. Schon seit Jahren hört man uns im Westen sagen, dass die Arbeitsbedingungen in Kleiderfabriken in Entwicklungsländern katastrophal sind. Ich will das gar nicht abstreiten. Aber es ist auch erwiesen, dass ein Land auf dem Sprungbrett der Entwicklung steht, wenn die Kleiderfabriken zu boomen beginnen.

Schlag mal das Geschichtsbuch auf zur Industrialisierung in England im 18. Jahrhundert. 12 Stunden Arbeitstage, keine Rechte für die Arbeiter, schlechte Löhne etc. Das war damals nicht anders. Irgendwann hat sich etwas geändert, die Arbeiter haben sich zusammengeschlossen und Gewerkschaften gebildet. Die Bedingungen haben sich verbessert. Wo steht Europa heute? Den Rest der Geschichte kennst du oder?

Vor einigen Jahren hatten Kleider noch den Zettel “Made in Poland”. Ich habe schon länger keine Kleider “Made in Poland” mehr gekauft. Ich behaupte mal, dass dies daran liegt, dass es in Polen kaum noch Kleiderfabriken gibt. Polen ist mittlerweile in der EU und verzeichnete Mitte der 2000er ein Wirtschaftswachstum von über 5 %. Über 50 % der Beschäftigten sind im Dienstleistungssektor tätig.

Ich habe zufällig ein Buch entdeckt, dass mir die Augen geöffnet und mich aufgrund der sehr anschaulichen Beschreibungen absolut faszniert hat. Das Buch heisst “The end of poverty. How we can make it happen in our lifetime.” und ist von Jeffrey Sachs, ehemaliger Berater des ehemaligen UNO-Generalsekretärs Kofi Annan. Das Buch geht kurz über die letzten 200 Jahre der Geschichte Europas und kommt dann zu den Problemen der Entwicklungsländer. Sachs spart nicht mit Kritik an den USA (natürlich auch an anderen Nationen aus dem Westen), den Vereinten Nationen, deren Organisationen und all den Non-Profit- und Hilfsorganisationen. Es zeigt Beispiele auf wie Krisen in der Vergangenheit mehr oder weniger erfolgreich bewältigt wurden und warum Entwicklungsprojekte nicht nachhaltig genug und zum Scheitern verurteilt sind. Mir hat das Buch die Augen geöffnet und es war besonders spannend dieses Buch zu lesen, während ich in Kambodscha unterwegs war.

Neben den zahlreichen Nicht-Regierungsorganisationen, die ein komfortables Leben für westliche Expats bieten und fragwürdie Erfolge erzielen, habe ich ein Dorf gesehen, wo die Welthungerhilfe einen Brunnen aufgestellt hat und die Bevölkerung zum Thema Hygiene unterrichtet hat. Tags darauf fahre ich nach Phnom Penh und was sehe vom Bus aus in den Vororten von Phnom Penh? Kleiderfabriken soweit das Auge reicht. Ganz ehrlich – ich bin zwar kein Statiker und habe auch sonst keine Ahnung vom Bauen – aber die meisten Gebäude sahen nicht aus als würden sie demnächst einstürzen. Dass Gebäude hin und wieder einstürzen ist leider Alltag in Entwicklungsländern, da es keine gesetzlichen Bauvorschriften gibt. Und die Bauqualität entspricht nun mal der Bauqualität eines Entwicklungslandes. Vermutlich sind Gebäude von Kleiderfabriken nicht überdurchschnittlich einsturzgefährdert als andere Gebäude.

Neben den Fabriken gab es kleine Läden, zahlreiche Schulen und Wohnbaracken. Wir sprechen hier nicht von Luxus, aber auch nicht von Slums. Verglichen mit den kambodschanischen Wohnverhältnissen und der Infrastruktur, die ich in vielen Orten auf dem Land in Kambodscha gesehen habe, waren die Verhältnisse in diesen Vororten äusserst komfortabel. Natürlich weiss ich auch, dass die schlimmsten Verhältnisse nicht direkt an der Hauptstrasse stehen.

Schliesslich habe ich hinter der kleinen Bar in meinem Hostel eine junge Kambodschanerin getroffen, die mir ihre Geschichte erzählt hat. Nennen wir sie Lu. Lu ist im Südosten Kambodschas aufgewachsen. Bereits als 5jähriges Mädchen hat Lu davon geträumt ins Ausland zu gehen. Lu ist aber in Armut aufgewachsen und wurde von ihren Eltern regelmässig geschlagen. Mit 14 Jahren sollte sie verheiratet werden. Das ist auf dem Land in Kambodscha nichts Unübliches. Lu wollte jedoch eine Ausbildung machen und arbeiten bevor sie heiratet. So ist sie von zu Hause weg gelaufen und zu ihrer Tante nach Phnom Penh gegangen, die Lu’s Familie deren Aufenthaltsort nicht verraten hat.

Lu hat sich gefälschte Papiere besorgt, weil man selbst in Kambodscha 18 Jahre alt sein muss um in einer Kleiderfabrik zu arbeiten. Es war keine grosse Sache gefälschte Papiere zu erhalten. Lu hat ihren Arbeitgeber ziemlich oft gewechselt. Sie scheint mir für kambodschanische Verhältnisse aufmüpfig zu sein, sie weiss was sie will. Ich schätze mal, dass Lu öfters Probleme hatte mit ihren Arbeitgebern und deshalb mehr oder weniger freiwillig öfters die Fabrik gewechselt hat.

Die Arbeitsbedingungen waren schlecht. Lu meinte, dass die Frauen in den Fabriken wie Hunde behandelt werden. Die Schichten dauerten 12 Stunden, dazwischen gab es nur kurze Essenspausen. Einige Frauen seien ohnmächtig geworden aufgrund den hohen Temperaturen und den vielen Arbeiterinnen in den Gebäuden. Sie hat monatlich 70 Dollars erhalten. Ein Hungerlohn! Wenn man aber bedenkt, dass heute – 10 Jahre später – viele Kellner in Restaurants mit 30-40 Dollars monatlich ihre Familie ernähren müssen, hat Lu Glück gehabt.

Schon bald konnte sich Lu eine kleine Wohnung leisten und endlich Englisch lernen. Lu ist heute 24, spricht fliessend Englisch, war schon in Malaysia oder Thailand und erhält einen Lohn von 250 Dollars monatlich. Damit gehört sie nicht mehr zu den Ärmsten ihres Landes. Hätte sie nicht in den Kleiderfabriken arbeiten können, hätte sie ihre Tante vermutlich zur Familie zurück geschickt oder sich selbst überlassen. Vielleicht wäre Lu heute eine Prostituierte oder eine arme Bauersfrau, die ihre 6 Kinder mit weniger als einem Dollar pro Tag ernähren müsste…

Man kanns drehen wie mans mag. Es ist nicht so einfach. Wir können nicht einfach bei einer Katastrophe etwas Geld spenden und denken, dass sich damit alles ändert. Wir können genauso wenig verlangen, dass andere Kulturen damit aufhören 14jährige Mädchen zu verheiraten. Aber wir können Gelder in die Bildung und Infrastruktur stecken, so dass irgendwann Investoren (ausländische wie reiche Einheimische) ihre Gelder in lokale Geschäfte investieren, die wiederum die Wirtschaft ankurbeln und somit Wachstum bringen. Sobald Bildung in guter Qualität für alle Bevölkerungsschichten offen ist und mit einer Ausbildung auch eine Arbeit gefunden werden kann – Ausbildung garantiert noch lange keine Arbeit, siehe Spanien -, wird später geheiratet. Die Frauen kriegen weniger Kinder, so dass die Familien mehr Geld zur Verfügung haben um in die Kinder, die sie haben zu investieren… Es ist statistisch erwiesen, dass die Geburtenrate mit einem höheren Bildungsniveau der Frauen zurück geht.

Jede gute Führungskraft weiss, dass die innere Motivation die beste ist. Vielleicht ist also “Missionieren” nicht unbedingt der richtige Weg. Arm zu sein, bedeutet nicht dumm zu sein. Möglicherweise müssen wir etwas genauer hinschauen und die Armen dieser Welt sprechen lassen. Denn diese wissen meistens sehr genau woran es ihnen fehlt.

Wenn also eine Nichtregierungsorganisation ein Krankenhaus baut, ist es damit noch nicht getan. Das Krankenhaus muss schliesslich auch betrieben werden. Das kostet weiterhin. Und es braucht Personal. Möglicherweise muss auch in die Bildung von künftigen Krankenschwestern und Ärzten investiert werden. Aber das ist nur realisierbar, wenn Projekte nachhaltig angelegt werden. Nachhaltig bedeutet in vielen Fällen, dass nicht eine einmalige Summe gesprochen wird, sondern Geld über mehrere Jahre investiert werden muss. Und das geschieht in vielen Fällen nicht. So werden aus den neuen Krankenhäusern bald Ruinen…

Wir sagen gerne, dass Leute in Entwicklungsländern in den Tag hinein leben. Das mag so sein, aber was ist der Grund dafür? Keine Perspektiven!

Es ist also nicht damit getan, einstürzende Fabriken und schlechte Arbeitsbedingungen nicht zu akzeptieren. Solange uns nur die Bereiche interessieren, mit denen wir zu tun haben um unser schlechtes Gewissen zu beruhigen, ändert sich kaum etwas. Wenn Kleiderfabriken einstürzen, stürzen auch andere Gebäude ein. Warum? Genau dort müssen wir ebenso anpacken. Oder sollen die Sicherheitsvorschriften nur für Kleiderfabriken gelten? Die Instantnudelfabriken haben bestimmt das gleiche Einsturzrisiko…

Wir können kurzfristig bessere Bedigungen und Sicherheitsvorschriften fordern. Langfristig macht es aber mehr Sinn in die Bildung zu investieren, denn durch Bildung stehen die Menschen selber für ihre Rechte ein, schaffen neue Gesetze, neue Vorschriften. Das ist Entwicklung!

Ich werde weiterhin bei H&M & Co. einkaufen, weil ich mit eigenen Augen gesehen habe, dass sich die Arbeit in einer Kleiderfabrik weitaus die bessere Alternative ist als ein Leben in absoluter Armut auf dem Land! Wie lautet deine Meinung zu dem Thema?

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