Vientiane – die Hauptstadt des meist zerbombten Landes der Welt

Eine Hauptstadt, die nur 350’000 Einwohner hat und eigentlich mehr wie ein grosses Dorf als eine Stadt wirkt. Einige Sehenswürdigkeiten, ein Hauch französischer Küche und weiter geht’s nach Vang Vieng oder Luang Prabang? Nicht ganz für mich. Zuerst stand noch ein Besuch bei COPE an, einem Rehabilitätszentrum für Behinderte. Und wieder einmal werde ich hier darauf aufmerksam gemacht, dass in Südostasien seit dem Vietnamkriegs nichts mehr wie vorher war.

Wenn man den Präsidentenpalast, den Patou Xai – der dem parisischen Arc de Triomphe ähnelt -, die gut bewachten Botschaften oder die grossen Tempel der Stadt sieht, kann man sich schon denken, dass man sich in einer Hauptstadt befindet. Aber die Cafékultur und die ruhigen, fast verlassenen, Strassen wirken nicht wie das geschäftige Treiben einer Hauptstadt und Vientiane ist immerhin die Hauptstadt von Laos. Wenn ich hier aber durch die Strassen laufe, habe ich eher das Gefühl in einem Dorf zu sein. Viel hat Vientiane nicht gerade zu bieten.

Erst wenn man Abends bei Sonnenuntergang an der Flaniermeile dem Mekong entlang schlendert, sieht man Menschenmassen. Die modernen Laoten machen hier nämlich Abendsport. Joggen, Radfahren, Skaten usw. und die modernen Ladies machen Aerobic oder Tanzen in der Gruppe. Die Frauen in den pinken T-Shirts sind etwas jünger und Tanzen eher, während die etwas älteren Frauen in türkisfarbenen T-Shirts Aerobic machen. Die Lautsprecherboxen geben alles und die Instruktorin auf dem Podest schreit ins Mikrofon um ihr Publikum zu animieren. Es funktioniert – gemessen an der Anzahl der Teilnehmer, die sich top motiviert bewegen während die Sonne am Horizont hinter dem Mekong versinkt…

Die Fakten im COPE-Zenter sind auf eine andere Art beeindruckend. COPE ist eine Hilfsorganisation und Rehabilitationszentrum für Behinderte. Die meisten Behinderten, die von COPE betreut werden, wurden Opfer von Blindgängern aus dem Vietnamkrieg. COPE führt ein Besucherzentrum, das Touristen über die Gefahr und Folgen von Blindgängern aus dem Vietnamkrieg aufklärt.

Der Ho Chi Minh-Pfad, der die nordvietnamesischen Vietcong-Soldaten im Süden Vietnams versorgen sollte, führte teilweise durch Laos. Und deswegen wurde Laos von den USA zerbombt, obwohl die Laoten eigentlich gar nichts mit dem Vietnamkrieg zu tun hatten. Über 270 Millionen Bomben (hauptsächlich die gefährlichen und zerstörerischen Streubomben) oder über 2 Millionen Tonnen in Gewicht ausgedrückt fielen in den 60er und 70er-Jahren vom laotischen Himmel. Im Schnitt wurde während neun Jahren alle acht Minuten eine Bombe abgeworfen. Ein Blick auf die Karte sagt, dass die Hälfte des Landes (rot) oder so gut wie der ganze Süden mit Bomben übersäht wurde. Laos mit seinen 6.5 Millionen Einwohner ist somit pro Kopf das am meist zerbombte Land der Welt. 30 % der Bomben explodierten damals nicht und bergen weiterhin Gefahren.

Die Wärme eines Feuers kann genügen um eine in einigen Metern Tiefe unter der Erde schlummernde Bombe zum explodieren zu bringen. Zwar gehören Hinweise auf die Gefahr von Blindgängern in Laos zur Erziehung. Aber immer wieder gibt es Kinder, die nicht realisieren oder wissen, womit sie spielen bis es zu spät ist. Und die Alteisenpreise sorgen sogar dafür, dass sich Menschen bewusst den Gefahren aussetzen.

Kinder gehen mit einem vietnamesischen Metalldetektor für 10 US-Dollar auf die Suche nach Alteisen. 12 – 24 Rappen Ertrag pro Kilo Eisen sind genügend Anreiz. Der Metalldetektor ist schnell amortisiert. Und wenn wieder einmal eine Bombe hoch geht, bedeutet das in vielen Fällen ein weiterer Toter. Die Geschichten im COPE lauten alle ähnlich.

Eine Person verunfallt. Die Familie fährt die Person ins Provinzkrankenhaus. Dort gibt es weder Sauerstoff noch Bluttransfusionen. Das letzte Geld wird für die Fahrt zum Krankenhaus der Provinzhauptstadt zusammengekratzt. Dort herrscht aber die selbe Situation. Kein Sauerstoff, keine Bluttransfusionen. Die Familie nimmt ihr Mitglied wieder nach Hause, wo es schliesslich stirbt. Traurige Tatsache in einem der 20 am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. Oder einfach nur das Befolgen der WHO-Empfehlungen “medizinische Versorgung entsprechend den wirtschaftlichen Möglichkeiten eines Landes”?

Überlebende auf dem Lande kennen COPE meistens nicht. COPE hilft den Menschen mit einer Behinderung durch einen Unfall bei der Rehabilitation, damit sie sich wieder möglichst selbständig im Alltag bewegen können. Und COPE fertigt Prothesen an. In unserer Welt eine Selbstverständlichkeit, in Laos keinesfalls. Bei COPE sind “Prothesen” ausgestellt, die Behinderte in Eigenregie angefertigt haben.

Übrigens kann man beim Besuch des COPE-Zenters auch sehen, welche Nationen sich einverstanden erklärt und einen Vertrag unterschrieben haben, aufgrund ihrer starken Zerstörungskraft künftig keine Streubomben mehr einzusetzen. Mir ist sofort aufgefallen, dass eine Nation nicht unterschrieben hat… Ratet mal! 3 Buchstaben…

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